Ganz Deutschland spricht über Elif Eralp. Ob sie eine gute Regierende Bürgermeisterin sein kann, steht in den Sternen. Schon seit dem Wahlabend wachsen die Zweifel. Doch das ist die eine Dimension.
Die andere ist die Debatte über das Interview des Spiegel mit ihr und den Folgen. Selten hat in letzter Zeit eine Berichterstattung solche Wellen geschlagen. Zurecht, denn es betrifft zutiefst das Verhältnis von Medien und Politik, von Journalismus und Öffentlichkeit, von Reportern und Interviewpartnern.
Hier geht es nicht nur um die Sache, hier geht es auch um Vertrauen, Transparenz und die Rolle von Medien in einer aufgeheizten Stimmungslage in unserem Land, und in Berlin im besonderen.
Erst seit einem Tag und bereits hinlänglich bekannt ist, dass Eralp dem Spiegel am Montag ein Interview gegeben hat, eine schriftliche Fassung dessen danach autorisiert hat und dem Magazin zurückschicken ließ.
In dem Dokument standen jedoch nicht für die Öffentlichkeit bestimmte interne Anmerkungen von Eralp und ihrem Team. Versehentlich, wie wir wissen, mit an die Redaktion des Spiegel geschickt.
In diesen Anmerkungen heißt es, Eralp und ihr Mann hätten »Angst vor diesen Leuten«, womit der als Extremist bekannte Ibrahim Ibrahim gemeint war. Ihr sei vom Landeskriminalamt empfohlen worden, keine »konkreten Namen« zu nennen.
So weit, so bekannt.
War die Veröffentlichung der Anmerkungen, für die es keine förmliche Autorisierung geben konnte, weil versehentlich mit verschickt, vertretbar oder, wie Bodo Ramelow dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) heute sagte „niederträchtiger Journalismus“?
Die Sache ist komplexer und eignet sich wenig für schwarz-weiß Debatten, aber für die Frage von erwartbarem Vertrauensschutz oder berechtigtem Informationsinteresse.
Was machen Redaktionen in der Regel, welche presserechtlichen, welche ethischen, welche rechtlichen, welche journalistischen, welche politischen, welche wirtschaftlichen, welche publizistischen Gesichtspunkte spielen eine Rolle, welche geben den Ausschlag?
Stoff für mehr als ein Medienseminar, bestimmt auch Fragen in einer sich anbahnenden juristischen Auseinandersetzung.
Klar ist, Eralp und ihr Team verantworten, dass ihre Anmerkungen beim Spiegel gelandet sind. Versehen hin oder her. Sowas kommt vor. Wer je in solchen Prozessen gearbeitet hat und mit „dem Spiegel“ Kontakt hatte, weiß, dass es auch anders geht. Anrufen, schnell schreiben, rückfragen – Krisenkommunikation: Fehlanzeige. Verhalten unprofessionell.
Inwieweit der Spiegel zurückgefragt hat, wissen wir noch nicht ganz genau. Da schaut man schnell auf die Uhr, um eine einstweilige Verfügung zu vermeiden.
Ja, Klicks und Auflage tun dem darbenden Spiegel gut, auch wenn journalistische Gründe überwogen. Sagen, was ist.
Klar ist auch, der Spiegel hat die Grenze des Üblichen überschritten. Auch wenn juristischer Graubereich, bleibt es sehr dünnes Eis.
Jeder Politiker, Unternehmer, Prominente oder in die Schlagzeilen Geratene ist gut beraten, sich zu fragen, welchem Medium er Rede und Antwort steht oder ein Hintergrundgespräch gewährt. Vertrauen ist die Währung.
Es kommt nicht häufig vor, eher in Ausnahmefällen, dass ein Chefredakteur des Spiegel, aktuell Dirk Kurbjuweit, heute morgen, den Umgang mit dem Eralp-Interview rechtfertigt. „Die Bürgerinnen und Bürger müssen das wissen, um die politischen Vorgänge kompetent einschätzen zu können“, schreibt er im eigenen Medium.
Und er schreibt auch, was wäre, wenn der Spiegel die Informationen zurückgehalten hätte. „Eralp wird Regierende Bürgermeisterin, und dann geschehen seltsame Dinge in Berlin. Es kommt heraus, dass das mit ihrer Angst vor Terrorsympathisanten zu tun hat. Es kommt ebenfalls heraus, dass der SPIEGEL von dieser Angst wusste, aber geschwiegen hat. Was würden Sie da von uns denken? Sie könnten zu Recht sagen, dass wir unsere Aufgabe, Sie über Relevantes zu informieren, nicht erfüllt haben, obwohl wir Bescheid wussten, wenn auch durch ein Versehen. Das ist undenkbar für mich, für den SPIEGEL.“
Elif Eralp will Regierende Bürgermeisterin werden, in Berlin. Da gelten besondere Maßstäbe, da geht es auch um Transparenz und die kritische Auseinandersetzung mit der Führungsfähigkeit von Politikern. Gerade jetzt, wenn es um Fragen von Antisemitismus, Islamismus und Nähe zu berüchtigten Clans geht.
Für den Umgang mit Medien hatte Sigmar Gabriel kürzlich einen guten Rat parat. Bei Markus Lanz sagte er am 13. Oktober: „Das müssen sie einkalkulieren, wenn sie mit Journalisten reden und müssen sozusagen auch ihre Gedanken im Kopf ordnen, bevor sie da losgehen und Dinge in die Welt blasen.“
